Do. 17. Aug. 2017

Alle elf Minuten stirbt irgendwo ein Werbetexter an Belanglosigkeit


Es ist wieder soweit. Deutschlands Parteienlandschaft protzt kurz vor der Bundestagswahl mit schlechten Anglizismen, Alliterationen und einem ausuferndem Adjektiv-Bingo. Gerade auf dem Weg zur Tanke bin ich an einem Wahlplakat der FDP vorbeigeschmiert. Und selbst 94 Stundenkilometer waren langsam genug, um mich formell zu briefen. Auf dem Ding war ein Mann in schwarz weiß mit sauber geschorenem 3-Tage-Bart und daneben die Headline: „Bauen und wohnen muss bezahlbar bleiben“. Oder sein. Egal. Interessant ist die Aussage an sich. Bauen und wohnen muss bezahlbar bleiben. Was’ das bitte für ein behinderter Wahlwerbeslogan? Welcher Nichtgroßgrundstücksbesitzer oder Immobilienpatriarch würde dieser Aussage nicht zustimmen? Und mal ganz davon ab, dass sich der Typ in schwarz weiß von der CMYK-FDP damit selber ins parteipolitische Knie wichst, was sagt diese – ich will es nicht als Satz bezeichnen – Aneinanderreihung von Wörtern, was sagt dieses typografische Ding über die politischen Inhalte der Partei?
Richtig. Nichts.
Außer vielleicht, dass die Agentur die für die Kampagne zuständig ist, dass die einen längeren Atem bei der Gestaltung hatte als die betroffenen Politiker. Weil wenn’s nach denen ging, würden sie auf irgendwelchen Fotos irgendwelchen Omas die Hände schütteln oder mit irgendwelchen Krankenschwestern über irgendwelche Problematiken im Personalschlüssel sprechen. Zumindest würde es so aussehen sollen als ob. Aber würde sich dann eine Krankenschwester (unter Garantie wäre es kein Krankenpfleger) finden, die sich für den ganzen Scheiß instrumentalisieren ließe, die Herren der politischen Schöpfung (in meinem Wahlbezirk sind es ausnahmslos Herren) würden sich mit ihr wahrscheinlich über das Staffelfinale von Grey’s Anatomy unterhalten.
Peinlichkeiten dieser Art werden es gewesen sein, die dazu geführt haben, dass Parteien keine Wahlwerbung mehr fahren, sondern Kampagnen. Da gibt es dann Menschen, die die Stimmung in der Bevölkerung aufnehmen und daraus eine Kampagne stricken. Wollen. Im Fall der FDP war da wohl einer in der Innenstadt unterwegs, hat den erstbesten nach seinem politischen Anliegen gefragt und der hat dann gesagt: „Joa, also ick find ja, det Wohnraum bezahlbar bleiben muss. Oda sollte. Wes ick nich, is mir och ejal, ehrlich jesacht, ick muss det Leerjut hier wegbringen, weeste. Min Kühlschrank is schon wieda alle. Kann sich ja keener mehr leisten hier n Stück ordentlichet Fleesch. Ick men net det uffjespritzte Zeuch da, sondern dette … Ähm. Wo wills’en hin, sach ma? Hab ick wat falschet jesacht?“ Aber da war der personifizierte Wahlomat schon wieder auf dem Weg zurück in die Parteizentrale, um an einer epischen Kampagne („Ey. Wenn der noch eenmal Kampanje sacht, ick schör dir, ick komm dem durch dat Glasfaserkawel da.“) für ein besseres Wahlergeb– Ähm … Deutschland zu sorgen. Mir graut’s davor, die ersten Plakate der AFD zu sehen. Ernsthaft. Wahrscheinlich steht da dann sowas drauf wie: „Mehr Deutschland, weniger Flüchtlinge“, oder so. Und wahrscheinlich werd ich die auch noch gut finden. Nicht der Aussage wegen. Oder vielleicht ja doch. Einfach, weil es eine Aussage gibt! Dass die von Grund auf behindert und abwegig und polemisch ist, darüber müssen wir nicht reden, aber hier hat jemand was zu sagen! Jemand trifft eine Aussage und jeder weiß, woran er ist! Du findest Ausländer scheiße? Wähl die AFD! Und genau diesen Move hätt’ ich bitte gern auch bei allen anderen Parteien. Du findest Windenergie scheiße? Wähl die SPD! Du findest Gewerbesteuer scheiße? Wähl die FDP! Du findest Politik scheiße? Wähl die PARTEI! Du findest alles scheiße? Wähl die CDU! Irgendwas, das’n bisschen weiter weg is von „Bauen und wohnen muss bezahlbar bleiben“. Wenn sich immer mehr Parteien aus dieser Art Kommunikation zurückziehen, passiert, was in Amerika passiert ist. Jemand stellt sich hin und brüllt seine Meinung in die Welt und alle feiern ihn hart dafür, dass er eine Meinung hat. Dass das, was der da von sich gibt, übelster Bullshit ist, is dann schon fast egal; wichtig ist, dass er eine Meinung hat. Und die einfach so sagt. Der traut sich das einfach! Stellt sich auf die Bühne, packt sich an den Sack und sagt: „ Hier! Seht her! Ich hab die dicksten Eier!“ Und das reicht dann schon, um ein ganzes Land zu überzeugen. Endlich sagt mal einer was! Is zwar Quatsch, aber er da traut sich was zu sagen, was sich sonst keiner traut. Find ich gut, den will ich. Und zack, haste’n Irren mit Atombombenkoffer unterm Arm durch die Welt tingeln. Und das alles nur, weil dieser verfickte Typ von der FDP schnell nach Hause wollte, bevor ihm die Alte mit dem Schatzmeister durchbrennt. Was würde wohl passieren, würde man das Ruder mal ne zeitlang wem vom Kaliber Kolle oder Farid in die Hand drücken? Nicht der Aussage, sondern der allgemeinen Arbeitsauffassung wegen. Das würde bestimmt’n großartigen Antrittsbesuch beim amerikanischen Präsidenten geben. Dicke Parties, dicke Titten und bestimmt würde Trump dann auch ziemlich fix von Twitter zu Instagram switchen, einfach, weil er hier gar nicht mehr tippen muss. Der fänd bestimmt großen Gefallen an JBG. Nur dass die einen Unterhalten, und die anderen regieren.

Jetzt weiß ich wieder, warum sich die Leute lieber über Fußball als über Politik unterhalten.

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