Mo. 07. Aug. 2017

„Verwertungs … Was?“


Manchmal muss ich unter Menschen, nur um nicht mit meinen Gedanken alleine sein zu müssen. Dann geh ich raus, setz mir die Capy auf, die Sonnenbrille und zieh mir die Kapuze über den Kopf. Das mach ich nicht um cool auszusehen oder unnahbar zu wirken oder was weiß ich. Ich mach das, um für mich allein zu sein. Manchmal – meistens sogar – bin ich unter Menschen besser alleine als alleine. Und wenn ich dann irgendwo sitze. Capy auf. Kapuze über dem Kopf. Sonnenbrille auf der Nase. Kippe im Mund. Fang an nachzudenken. Und ich weiß ja nicht wie das bei den anderen is, aber bei mir is nachdenken ne anstrengende Sache. Weil meine Gedanken sich meistens nicht fassen lassen. Sie tauchen auf und verschwinden und tauchen auf und verschwinden und springen und springen und springen wie so ein beschissenes Wild im tiefen Wald, nur um irgendwann von einem Schwertransporter weggebumst zu werden. Klatsch Und aus is mit dem Gedanken. Dabei sind so oft (wirklich oft?) welche dabei, aus denen sich etwas machen ließe. Machen im schriftstellerischen Sinne. Oder im Lebenssinne (wo ist da der gefühlte Unterschied?). Aber dann ist der Gang zum Laptop doch wieder zu schwer und der Griff zur Flasche viel schneller. Also trinke ich.
Ich trink nicht viel. Meistens zumindest nicht. Meistens nur ein zwei drei vier Bier, vielleicht auch mal den einen oder anderen Schnaps, da bin ich kein Kostverächter, aber Betrinken, so wie ich es vor ein paar Jahren noch gemacht hab, das mach ich schon so einige Zeit nicht mehr.
Warum eigentlich nicht?
Keine Ahnung.
Ach so.
Ich weiß schon wohl warum, aber das auseinanderzunehmen is mir grad zu anstrengend.
Verstehe.
Außerdem wär mein Therapeut sonst arbeitslos.
Aha.
Und jetzt halt die Fresse. Prost.
Prost.
Übrigens. Darf man nicht nur gedanklich, sondern auch in einem Text, einem Text wie dem hier, darf man da einfach mal so springen? Von einer Idee zur nächsten? Ohne gleich das Gefühl haben zu müssen: „Ach, scheiße. Da lässt sich doch bestimmt was draus zimmern.“ Darf man einfach mal Sachen schreiben, ohne gleich die Verwertung im Auge zu haben? Ich geb zu, selbst bei dem ungefilterten Geschreibsel hier denk ich gleich an Verwertungsmöglichkeiten, und das kotzt mich an. Wirklich und wahrhaftig.
Ich hab sehr spät angefangen Geschichten zu schreiben. Und anfangs hab ich das nur für mich gemacht. Es war mein Ventil. Hier konnte ich Sachen machen, die im echten Leben unmöglich waren. Einmal, da hab ich einen Typen den ich kannte dazu gebracht, sich mit Whiskey und Tabletten aus dem Leben zu schießen. Einfach weil ich’s konnte. Und weil mir der blöde Sack tierisch auf die Eier ging (Isso!). Und heute mach ich mir bei jedem Satz verschissenen Gedanken über die Dichte von Adjektiven.
Irgendwann hab ich gemerkt, dass mir das Wissen über schriftstellerisches Handwerkszeug in die Möglichkeiten spuckt. Eigentlich nimmt es sie und springt mit seinen 14-Loch wie irre drauf rum. Und nocheinmal. Und nocheinmal. Und nocheinmal!
Etwas zu wissen kann manchmal hemmend sein. Ich wusste vorher nicht einmal, was der Unterschied zwischen einem Adjektiv und einem Verb ist. Mein Deutschlehrer hat wirklich alles gegeben. Aber ich hatte besseres zu tun. Und auf einmal, zwei Jahrzehnte später, da zähl ich die Dinger in jedem beschissenen Satz den ich schreibe. Was soll das! Gib mir mein Ventil zurück!
Blöder Wichser …

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