Do. 21. Sep. 2017

Irgendwas mit Demenz


Wusstet ihr, dass man vom Saufen ne Demenz kriegen kann? Korsakow nennt sich das. Ich wusst’ das nicht. Dabei hab ich den ganzen Bums mal gelernt.
Damals.
Ich bin mit 16 von der Schule und hab ne Ausbildung zum Altenpfleger gemacht. Da wurd’ grad’ das Gesetz gelockert, das man ne Ausbildung zum examinierten Altenpfleger erst mit 18 machen kann. Und als ich drei Jahre später mein Examen in den Fingern hatte, war ich Deutschlands jüngster Altenpfleger.
Kein Scheiß, wahre Geschichte.
Und nur eineinhalb Jahre später war ich Deutschlands jüngster Altenpfleger mit ner handfesten Depression und einem Alkoholimport, da hätt’ selbst Harald Juhnke applaudiert.
Warum ich euch das alles erzähle, hat zwei Gründe. Zum einen um zu erklären, dass ich noch so n bisschen Grundausstattung auf der Pfanne hab, wenn’s um Demenz geht. Da is nämlich ein bisschen mehr hinter, als sich mit der Zahnbürste die Haare zu kämmen.
Zuerst vergisst du was du wolltest. Dann wo du bist. Dann wer du bist. Und irgendwann vergessen deine Organe dann, was gleich noch ihre Aufgabe war. Das ist jetzt keine Formulierung aus dem Pschyrembel, aber sie trifft den Kern der Sache und bringt mich zu meinem zweiten Punkt:
Bei der Recherche zum Thema Demenz war mir einiges neu, und vieles ist mir wieder eingefallen. Zum Beispiel, dass sich der Blick in eine beliebige Symptomliste anfühlt, wie der Blick in ein Panini-Fußballkarten-Sammelalbum.
Hab ich, hab ich, fehlt mir, hab ich, fehlt mir, hab ich.
Und irgendwann is’ mir is auch wieder eingefallen, was ich lange Zeit bewusst verdrängt hab.
Nämlich das Menschen sterben.
Schlimmer noch, das ich sterbe. Ob an Demenz oder nem Korsakow oder nem Herzinfarkt spielt dabei erstmal keine Rolle. Es geht einzig und allein um die Tatsache, dass ich endlich bin. Das ihr alle endlich seid. Was – wenn man mal ganz ehrlich und unbefangen darüber nachdenkt – zu der Frage führt, was man mit diesem Furz von Zeit anstellen will, der einem hier so bleibt?
Will ich wirklich einen unterbezahlten Pflegerjob machen, bei dem mir die Menschen unter dem Waschlappen wegsterben? Will ich einen Job, der mich nicht nur Nerven und Gehirnzellen kostet, sondern mich mittelfristig immer auch auf Armlänge vom nächsten Schnapsladen parkt? Oder mache ich das, was ich für richtig und wichtig und angemessen halte?
Gut. Als Autor verdient es sich noch nen ganzen Zacken schlechter wie als Altenpfleger. Und der Suff ist für mich so sehr Teil der Arbeit, dass mein Steuerberater es hingekriegt hat, dass ich den ganzen Bums von der Steuer abgesetzt bekomme. Aber ich selbst finde das was ich tue – im Hinblick auf die eigene Sterblichkeit – richtig und wichtig und angemessen. Und ich finde – das ist meine Meinung – dass das der einzige Kompass für einen Menschen sein sollte.
Also versucht euch weniger Gedanken darüber zu machen was alles mit euch passieren kann. Ob euch ne Demenz nach und nach Gehirn und Körper ausknipst, oder das Qualmen euch das Bein kostet, oder euch ein Herzinfarkt dahinrafft, während ihr gerade über die Mutti rutscht. Denn auf vieles davon habt ihr nur bedingt Einfluss. Ihr könnt Risikofaktoren vermeiden. Klar. Aber ein Mann bleibt ein Mann und ein Raucher bleibt ein Raucher und ein Trinker bleibt ein Trinker.
Meistens.
Ob ihr wollt oder nicht. Das Ende kommt. Da habt ihr einfach keinen Einfluss drauf. Aber was ihr bestimmen könnt, ist euer Leben. Also macht was draus. Denkt darüber nach was ihr wollt. Was ihr wirklich und wahrhaftig wollt. Und nicht, was man euch beigebracht hat zu wollen. Und dann denkt mal darüber nach, wo ihr gerade steht. Und wie scheiße weit diese Positionen auseinanderliegen. Denn das tun sie meistens.
Und dann. Ganz am Schluss. Denkt mal in Ruhe darüber nach, wie ihr wohl gelebt haben wollen würdet, wenn irgendwann ein Arzt zu euch sagt: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ne Demenz.“

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